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Gedichte

8
Nov
2009

Selig sind die geistig Armen

Waterster-021

Selig sind die geistig Armen,
denn sie stecken nie die Nase
in den Brunnenschacht des Lebens
voll gefährlich gift´ger Gase.

Trinken oben aus dem Becken
fromm mit Ochs und Schaf zugleich.
Und dereinst, wenn sie sich strecken,
erben sie das Himmelsreich.

Christian Morgenstern

6
Nov
2009

Wahre Freundschaft soll nicht wanken

Zutphen-096


Wahre Freundschaft soll nicht wanken,
wenn sie gleich entfernet ist;
lebet fort noch in Gedanken
und der Treue nicht vergißt.

Keine Ader soll mir schlagen,
da ich nicht an dich gedacht;
ich will für dich Sorge tragen
bis zur späten Mitternacht.

Wenn der Mühlstein traget Reben
und daraus fließt kühler Wein;
wenn der Tod mir nimmt das Leben:
hör ich auf dir treu zu sein...

Volksweise, mündlich überliefert

2
Nov
2009

Allerseelen

Rekken-051

Ob wohl die Toten im Grabe nichts spüren?
Ob sie nicht dürsten, ob sie nicht frieren…
Ahnen sie nichts mehr von Freude und Trauer,
Sind sie so leblos wie Mörtel und Mauer,
Die ja so meint man, wie Wolke und Wind
- Weiß man es wirklich? – empfindungslos sind.
Sehnen sich Tote nie mehr nach dem Einst?
Wissen sie gar nicht, daß du um sie weinst,
Laut um sie klagst in den sternhellen Nächten,
Mit ihnen bist in den finsteren Schächten,
Wo sie nun liegen mit Erde und Wurm.

In meinen Träumen läutet es Sturm,
Schlägt´s an mein Fenster, rasselt´s an Türen.
- Ob wohl die Toten im Grabe nichts spüren?

Mascha Kaléko

29
Okt
2009

Es lohnt sich doch

Es lohnt sich doch, ein wenig lieb zu sein
Und alles auf das Einfachste zu schrauben.
Und es ist gar nicht Großmut zu verzeihn,
Daß andere ganz anders als wir glauben.
Und stimmte es, daß Leidenschaft Natur
Bedeutete im guten und im bösen,
Ist doch ein Knoten in dem Schuhband nur
Mit Ruhe und mit Liebe aufzulösen.


Joachim Ringelnatz, 1883-1934

28
Okt
2009

Für Hubert

Der Freund
Wer auf den Wogen schliefe,
Ein sanft gewiegtes Kind,
Kennt nicht des Lebens Tiefe,
Vor süßem Träumen blind.

Doch wen die Stürme fassen
Zu wildem Tanz und Fest,
Wen hoch auf dunklen Straßen
Die falsche Welt verläßt:

Der lernt sich wacker rühren,
Durch Nacht und Klippen hin
Lernt der das Steuer führen
Mit sichrem, ernstem Sinn.

Der ist vom echten Kerne,
Erprobt zu Lust und Pein,
Der glaubt an Gott und Sterne,
Der soll mein Schiffmann sein!

Joseph Freiherr von Eichendorff
Abendsonne-027

24
Mrz
2007

Ich bin der Welt abhanden gekommen

Bekendelle-95-


Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh' in einem stillen Gebiet!
Ich leb' allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!

Friedrich Rückert

15
Mrz
2007

Zufall

Wenn statt mir jemand anderer
auf die Welt gekommen wär`.
Vielleicht meine Schwester
oder mein Bruder
oder irgendein fremdes blödes Luder –
wie wär´ die Welt dann,
ohne mich?
Und wo wäre denn dann ich?
Und würd´ mich irgendwer vermissen?
Es tät ja keiner von mir wissen.
Statt mir wäre hier ein ganz anderes Kind,
würde bei meinen Eltern leben
und hätte mein ganzes Spielzeug im Spind.
Ja, sie hätten ihm sogar
meinen Namen gegeben!

- Martin Auer -

23
Jan
2007

Ein Lied hinterm Ofen zu singen

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Der Winter ist ein rechter Mann,
Er krankt und kränkelt nimmer,
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
Er schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
Und läßt’s vorher nicht wärmen
Und spottet über Schmerz im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn’s Holz im Ofen knittert
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und Zittert,

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich und Seen krachen,
Das klingt ihm gut, daß haßt er nicht,
Da will er sich tot lachen.

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.


Mathias Claudius

17
Jan
2007

Fahrt mit Daddeldu!

Rumba

Daddeldu ahoi!
Laß uns eine Reise machen,
Segeln, daß die Balken krachen,
Komm old sailor boy,
Ho - ruck!
Nur ein kurzer Pfiff,
Und schon saust das Schiff
Durch die Meere - in tollem Lauf.
Nur ein kurzer Pfiff,
Und schon saust das Schiff
In den Himmel hinauf.

Daddeldu ahoi!
Laß uns einen Cocktail mixen,
Daß die Nixen trunken knixen,
Komm old sailor boy,
Ho - ruck!
Nur ein kurzer Pfiff,
Und schon saust das Schiff
Durch die Meere - in tollem Lauf. Nur ein kurzer Pfiff,
Und schon saust das Schiff
In den Himmel hinauf.

Daddeldu ahoi!
Fahr uns lose Schwefelbande
Mit Musik von Land zu Lande,
Denn wir sind dir treu.
Ho - ruck!
Nur ein kurzer Pfiff,
Und schon saust das Schiff
Durch die Meere - in tollem Lauf.
Nur ein kurzer Pfiff,
Und schon saust das Schiff
In den Himmel hinauf.

Daddeldu ahoi!
Weites Herz und weite Hose!
Komm du salzigster Matrose!
Komm old sailor boy,
Ho - ruck!
Nur ein kurzer Pfiff,
Und schon saust das Schiff,
Durch die Meere - in tollem Lauf.
Nur ein kurzer Pfiff,
Und schon saust das Schiff
In den Himmel hinauf.

Ringelnatz

9
Jan
2007

Zum Abschied für Benno

Ich möchte jemanden einsingen,

bei jemandem sitzen und sein.

Ich möchte dich wiegen und kleinsingen

und begleiten schlafaus und schlafein.

Ich möchte der Einzige sein im Haus,

der wüßte: die Nacht war kalt.

Und möchte horchen herein und hinaus

in dich, in die Welt, in den Wald.

Die Uhren rufen sich schlagend an,

und man sieht der Zeit auf den Grund.

Und unten geht noch ein fremder Mann

und stört einen fremden Hund.

Dahinter wird Stille. Ich habe groß

die Augen auf dich gelegt;

und sie halten dich sanft und lassen dich los,

wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Rainer Maria Rilke

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Es war schön mit dir!