19
Sep
2006

Geben

Ihr gebt nur wenig, wenn ihr von eurem Besitz gebt.
Erst wenn ihr von euch selber gebt, gebt ihr wahrhaft.

Denn was ist euer Besitz anderes als etwas, das ihr bewahrt und
bewacht aus Angst, daß ihr es morgen brauchen könntet?
Und morgen, was wird das Morgen dem übervorsichtigen Hund bringen,
der Knochen im spurlosen Sand vergräbt,
wenn er den Pilgern zur heiligen Stadt folgt?

Und was ist die Angst vor der Not anderes als Not?
Ist nicht Angst vor Durst, wenn der Brunnen voll ist,
der Durst, der unlöschbar ist?

Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben
- und sie geben um der Anerkennung willen,
und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.

Und es gibt jene, die wenig haben und alles geben.
Das sind die, die an das Leben und die Fülle des Lebens glauben,
und ihr Beutel ist nie leer.

Es gibt jene, die mit Freude geben, und die Freude ist ihr Lohn.

Es gibt jene, die mit Schmerzen geben, und der Schmerz ist ihr Taufe.

Und es gibt jene, die geben und keinen Schmerz beim Geben kennen;
weder suchen sie Freude dabei, noch geben sie um der Tugend willen;
Sie geben, wie im Tal dort drüben die Myrte ihren Duft verströmt.
Durch ihr Hände spricht das Gute, und aus ihren Augen lächelt es auf die Erde.

Es ist gut zu geben, wenn man gebeten wird,
aber besser ist es, wenn man ungebeten gibt, aus Verständnis;

Und für den Freigebigen ist die Suche nach einem,
der empfangen soll, eine größere Freude als das Geben.

Und gibt es etwas, das ihr zurückhalten werdet?

Alles, was ihr habt, wird eines Tages gegeben werden;
daher gebt jetzt, daß die Zeit des Gebens eure ist
und nicht die eurer Erben.

Ihr sagt oft:
"Ich würde geben, aber nur dem, der es verdient:"
Die Bäume in eurem Obstgarten reden nicht so,
und auch nicht die Herden auf euren Weiden.

Sie geben, damit sie leben dürfen,
denn zurückhalten heißt zugrunde gehen.
Sicher ist der, der würdig ist,
seine Tage und Nächte zu erhalten,
auch alles andere von euch würdig.

Und der, der verdient hat, vom Meer des Lebens zu trinken,
verdient auch, seinen Becher aus eurem Bach zu füllen.

Und welcher Verdienst wäre größer
als der Mut und das Vertrauen, ja auch die Nächstenliebe,
die im Empfangen liegt?

Und wer seid ihr,
daß die Menschen sich die Brust zerreißen
und ihren Stolz entschleiern sollten,
damit ihr ihren Wert nackt und ihren Stolz entblößt seht?
Seht erst zu, daß ihr selber verdient,
ein Gebender und ein Werkzeug des Gebens zu sein.

Denn in Wahrheit ist es das Leben, das dem Leben gibt ,
während ihr, die ihr euch als Gebende fühlt,
nichts anderes sei als Zeugen.

Und ihr, die ihr empfangt -
und ihr seid alle Empfangende -,
bürdet euch nicht die Last der Dankbarkeit auf,
damit ihr nicht euch und dem Gebenden ein Joch auferlegt.

Steigt lieber zusammen mit dem Gebenden auf
seinen Gaben empor wie auf Flügeln;

Denn seid ihr euch eurer Schuld zu sehr bewußt,
heißt das, die Freigebigkeit desjenigen zu bezweifeln,
der die großherzige Erde zur Mutter und Gott zum Vater hat.

Khalil Gibran

...

"Dies ist das Schwerste,
was Euch das Leichteste scheint:
Mit den Augen zu sehen,
was vor den Augen Euch liegt."

J.W. Geothe

18
Sep
2006

...

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Vom Schenken

Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gabe wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk, dass dein Geschenk –
Du selber bist.


Joachim Ringelnatz

Desiderata

Geh freundlich und gelassen inmitten von Lärm und Hast, und denke daran, welcher Friede in der Stille zu finden ist. . Versuche mit allen Menschen auszukommen, so weit wie immer möglich doch ohne dich selbst aufzugeben.
Rede von deiner Wahrheit ruhig und deutlich, und hör andern zu, selbst wenn sie dir langweilig und unwissend erscheinen; auch sie haben ihre Geschichte.
Geh lauten und angriffslustigen Menschen aus dem Weg, denn sie sind eine Plage für den Geist.
Wenn du dich mit andern vergleichst, kannst Du stolz oder verbittert werden, denn es wird immer Menschen geben, die mehr oder weniger können als du.
Freue dich über das, was du erreicht hast, wie auch über deine Pläne. Behalte das Interesse an deiner Arbeit, wie auch immer die Stolpersteine sein mögen, denn dein Tun und Handeln ist ein wahrer Besitz unter all den Dingen, deren Werte sich im Laufe der Zeit ändern.
Sei vorsichtig bei allen deinen Geschäften, denn die Welt ist voller List. Aber lass dich davon nicht blenden, es gibt auch reichlich Tugend und viele Menschen, die nach großen Idealen trachten, überall ist das Leben voll vom stillen Heldentum.
Sei du selbst.
Täusche keine Zuneigung vor.
Spotte nicht über die Liebe, denn auch im Angesicht von Ödnis und Ernüchterung, lebt sie ewig fort wie das Gras.
Beuge dich freundlich dem Rat der Jahre und gib die Dinge der Jugend in Würde auf.
Erhalte dir die Schärfe deines Verstandes, denn sie vermag dich vor plötzlichem Unglück zu bewahren. Aber verfalle nicht ins Grübeln. Viele Ängste entstehen aus Müdigkeit und Einsamkeit.
Neben einem gesunden Maß an Disziplin, sei freundlich mit dir selbst. Du bist ein Kind des Universums, nichts anderes als der Baum vor der Tür oder die Sterne am Himmel. Du hast ein Recht darauf, hier zu sein. Und ob es dir nun klar ist oder nicht: Das Universum entfaltet sich zweifellos so, wie es sollte.
Sei friedlich mit Dir selbst und was auch immer deine Arbeit und dein Streben sein mag in dem lauten Durcheinander des Lebens. Halte Frieden mit deiner Seele. Trotz aller Täuschung, Mühsal und aller zerbrochenen Träume ist es immer noch eine wunderbare Welt.
Sei bedacht.
Strebe danach, glücklich zu sein.
Max Ehrmann
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