27
Dez
2009

Das hohe Lied der Liebe

(1. Korinther, 13)

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir´s nichts nütze.

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.

Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.

Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.

22
Dez
2009

Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Daß Amseln flöten und daß Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.
Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.



Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.




In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt, das Feuer ist geschürt.
An solchen Tagen erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
- Weil er sich selber liebt - den Nächsten lieben.
Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!




Ich freu mich, daß ich ...


Daß ich mich freu.




Mascha Kaléko

20
Dez
2009

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenherde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird,
Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
Streckt sie die Zweige hin - bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke

18
Dez
2009

Aus dem Cherubinischen Wandersmann:

Der Himmel ist in dir
Halt an, wo laufstu hin, der Himmel ist in dir;
Suchstu Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.

Wie Gott im Menschen
Gott ist noch mehr in mir, als wann das ganze Meer
In einem kleinen Schwamm ganz und beisammen wär.

Breskens-102

Der Mensch ist Ewigkeit
Ich selbst bin Ewigkeit, wann ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.

Zufall und Wesen
Mensch, werde wesentlich; denn wann die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.

Beschluß
Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willt lesen,
So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.


Angelus Silesius

17
Dez
2009

Vom Schenken

Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
Sei Dein Gewissen rein.
Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
Was in Dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So daß die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.
Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Daß Dein Geschenk
Du selber bist.

Joachim Ringelnatz, 1883-1934

16
Dez
2009

Lebenskreis

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Ruhig strömt der Fluss dahin,
müd vom steten Fließen,
hat nur eines noch im Sinn,
seinen Kreis zu schließen.

Wo er einst dem Quell entsank,
um sein Bett zu füllen,
wo die Amsel bei ihm trank,
um den Durst zu stillen.

Dorthin möcht er gern zurück,
doch ihn treibet weiter
stummes Drängen Stück für Stück
wie ein Wellenreiter.

Immer fort, dem Meere zu,
dort ist er am Ziele,
findet endlich seine Ruh,
wie vor ihm schon viele.

Auch des Menschen Lebenskreis
wird sich derart schließen,
sich in andres Meer ganz leis,
wie der Fluss, ergießen.

© Gisela Grob, 2009

15
Dez
2009

Alleingelassen bei Erinnerungen

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Jetzt sitzt der weiße Schlaf vor allen Wintertüren,
Die Fenster sind gleich blassen Eierschalen,
Dahinter leben Straßen voll Gespenster
Und Stimmen, die uns ferne Menschen malen.

Man kann die Welt nicht sehen und nur spüren.
Wie Blinde ahnt man dunkel das Geschehen,
Alleingelassen bei Erinnerungen,
Die an den Türen wie die Bettler stehen,

Die bei den Ofenflammen warm sich rühren,
Erregt mit nimmersatten Hungerzungen.
Sie können uns an magern Händen führen
Und haben in der Asche noch nicht ausgesungen.

Max Dauthendey

12
Dez
2009

Lache, wenn´s nicht zum Weinen reicht

Grönemeyer

Tausend Haare in der Suppe
Und dein Löffel hat ein Loch
Es fällt keine Sternschnuppe
Deine Kerze hat keinen Docht

Dich quält ein unendlicher
Schluckauf
Dein Spielfeld ist ständig
verschneit
Und deine Schaltung klemmt
im Leerlauf
Selbst deine Kriechspur ist
vereist

Im Bus der Zeit hast du nur
einen Stehplatz,
Ein Stehplatz im, ein Stehplatz
im Schleudertraum

Du tust jedem jeden Gefallen
Bist bescheiden und bemüht
Du wirst benutzt
von allen
Erntest kein Danke,
nur einen Tritt

Das Jammertal hat auch
geschlossen
Die Klagemauer, die Klage-
mauer ist belegt.

Und gleicht ein Tag noch so
sehr dem andern
Und ist das Leben
unerträglich seicht
Und bist du innerlich
längst ausgewandert
Lache, wenn's nicht
zum Weinen reicht

Dein Schiff schon
ohne Ratten
Der Kapitän bereits
über Bord
Du bist von aller Welt
verlassen
Leckgeschlagen auf
hoher See

Es steckt kein Geist mehr
in der Flasche
Für's Paradies fehlt
die Phantasie
Die falschen Wünsche
in Erfüllung
Keine Liebe, keine Poesie

Keine Gefahr, keine Abenteuer
Gleichförmigkeit,
Gleichförmigkeit,
Melancholie

Und gleicht ein Tag noch so
sehr dem andern
Und ist das Leben
unerträglich seicht
Und bist du innerlich
längst ausgewandert
Lache, wenn's nicht
zum Weinen reicht

Und nennen sie dich auch
eine Mimose
Und schlurfst du ständig
neben der Zeit
Es gibt für jedes Herz
eine eigene Rose
Lache, wenn's nicht
zum Weinen reicht.

Und gleicht ein Tag noch so
sehr dem andern
Und ist das Leben
unerträglich seicht
Und bist du innerlich
längst ausgewandert
Lache, wenn's nicht
zum Weinen reicht

Und greife endlich nach
den Sternen
Kein Planet für dich zu weit
Sehnsucht kann man zum
Glück nicht verlernen
Zum Weinen bleibt noch
so viel Zeit
Sehnsucht kann man zum
Glück nicht
verlernen, oder?
Zum Weinen bleibt noch
so viel Zeit
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