2
Jun
2014

Abend

Der Abend wechselt langsam die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein himmelfahrendes und eins, das fällt:

und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt-

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein Leben bang und riesenhaft und reifend,
sodaß es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechseln Stein in dir wird und Gestirn.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

5
Mai
2014

Ein Freund

Ein Freund ist ein Mensch,
der die Melodie deines Herzen kennt
und sie dir vorspielt,
wenn du sie vergessen hast.

Albert Einstein

1
Mai
2014

Bitte

Wenn du die kleine Hand mir gibst,
Die so viel Ungesagtes sagt,
Hab ich dich jemals dann gefragt,
Ob du mich liebst?

Ich will ja nicht, dass du mich liebst,
Will nur, dass ich dich nahe weiß
Und dass du manchmal stumm und leis
Die Hand mir gibst.

Hermann Hesse

20
Apr
2014

Psalm

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit.
Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
Das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin
in meinem kleinen Reich.
Ich sing und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich.

Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen.
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert,
und mich kein Trübsal hält,
weil mich mein Gott das Lachen lehrt,
wohl über alle Welt.

Hanns Dieter Hüsch

3
Mrz
2014

Freude

Freude soll nimmer schweigen.                                
Freude soll offen sich zeigen.
Freude soll lachen, glänzen und singen.
Freude soll danken ein Leben lang.
Freude soll dir die Seele durchschauern.
Freude soll weiterschwingen.
Freude soll dauern
Ein Leben lang.

Jochen Ringelnatz

10
Jan
2014

Im Schleier verregneter Gärten.

Am liebsten hab ich gelebt
Im Schleier verregneter Gärten.
Hier fanden mich gute Gefährten.
Wir haben nach Hohem gestrebt.

Sie fielen, so blieb ich allein
Und lebte, da niemand mich störte,
Ein Leben, das keinem gehörte,
Und also war es nicht mein.

Georg von der Vring

18
Nov
2013

Der Blick des Winters

Ich stehe schräg wie eine Leiter und reiche
mit dem Gesicht ins Untergeschoß des Kirschbaums.
Ich bin in der Glocke der Farben, die vor Sonne läutet.
Mit den schwarzroten Beeren bin ich schneller fertig als vier Elstern.

Da trifft mich plötzlich Kälte von weit her.
Der Augenblick wird schwarz
und bleibt zurück wie das Axtmal in einem Stamm.

Von jetzt an ist es spät. Im Laufschritt begeben wir uns
außer Sehweite, hinab, hinab in das antike Kloakensystem.
Die Tunnel. Dort wandern wir monatelang,
halb im Dienst und halb auf der Flucht.

Kurze Andacht, wenn über uns ein Deckel sich öffnet
und schwaches Licht einfällt.
Wir blicken nach oben: der Sternenhimmel durch das Abflußgitter.

Tomas Tranströmer (*1931)

8
Okt
2013

Schwarz

2013-10-07-11-30-43

Nacht ohne dich.

Wer wird mein Herz bewahren?

Der Mond erblich.

Die Vogelwolken fahren.

Vorüberstrich

Ein Schwarm von schwarzen Jahren.

Georg von der Vring
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