3
Dez
2007

Ich ließ meinen Engel lange nicht los

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt...


Rainer Maria Rilke, 22.2.1898, Berlin-Wilmersdorf Kevelaer-213

16
Okt
2007

...

Die Blätter fallen,

fallen

wie von weit,

als welkten

in den Himmeln

ferne Gärten;

sie fallen

mit verneinender Gebärde.

Und

in den Nächten

fällt

die schwere Erde

aus allen Sternen

in die

Einsamkeit.

Wir alle fallen.

Diese Hand da fällt.

Und

sieh dir andre an:

es ist in

allen.

Und doch ist Einer,

welcher dieses Fallen

unendlich

sanft

in seinen Händen hält.


Rilke, Rainer Maria (1875-1926)

4
Okt
2007

Free Burma!


Free Burma!

24
Sep
2007

Für Dich

Wenn Licht
auf deinen
Weg fällt,
dann heiße es
willkommen.
Nimm dankbar an,
was das Leben
dir schenkt und
lass dich
von seinen
schönen
Gaben
verwöhnen!

18
Sep
2007

An die Freunde

Wieder einmal ausgeflogen,
Wieder einmal heimgekehrt;
Fand ich doch die alten Freunde
Und die Herzen unversehrt.

Wird uns wieder wohl vereinen
Frischer Ost und frischer West?
Auch die losesten der Vögel
Tragen allgemach zu Nest.

Immer schwerer wird das Päckchen,
Kaum noch trägt es sich allein;
Und in immer engre Fesseln
Schlinget uns die Heimat ein.

Und an seines Hauses Schwelle
Wird ein jeder festgebannt;
Aber Liebesfäden spinnen
Heimlich sich von Land zu Land.



Theodor Storm (1817-1888)

10
Sep
2007

Psalm 139

Kevelaer-105

"Herr, dir ist nichts verborgen;
du schaust mein Wesen ganz.
Das Gestern, Heut und Morgen
wird hell in deinem Glanz.
Du kennst mich bis zum Grund;
ob ich mag ruhn, ob gehen,
ob sitzen oder stehen,
es ist dir alles kund.

Wenn ich zum Himmel flöge,
ich könnt dir nicht entfliehn;
wenn ich zum Abgrund zöge,
ich fände dich darin.
Trüg mich das Morgenrot
bis zu der Erde Enden,
du hieltest mich in Händen
im Leben und im Tod.

Und wollt ich mich verhüllen
in Finsternis und Nacht,
du wirst sie ganz erfüllen
mit deines Lichtes Pracht.
Du kennst das Dunkel nicht;
die Nacht wird dir zum Tage,
und wo ich Dunkel sage,
da ist vor dir nur Licht.

Du hast geformt mein Wesen
schon in der Mutter Schoß.
Du schaust all meine Blößen,
hast mir bestimmt mein Los.
Und wollt ich zählen, Herr,
und deine Pläne fassen,
ich müsste davon lassen;
sie sind wie Sand am Meer.

Dir will ich Dank bezeugen,
der herrlich mich gemacht,
und mich voll Staunen neigen
vor deiner Werke Pracht.
Du, der mich prüft und kennt,
halt mich in deinem Segen,
leit mich auf ewgen Wegen
bis an ein selig End."

Psalm 139 - Marie Luise Thurmair

16
Aug
2007

Geben

1-2007-Handen-van-Boeddha-groot
Gebefreudigkeit macht in jedem Stadium ihrer Entwicklung Freude.
Es macht uns Freude,
den Vorsatz zu fassen, gebefreudig zu sein.
Es macht uns Freude,
zu handeln und tatsächlich etwas zu geben.
Und es macht uns Freude,
uns daran zu erinnern, dass wir etwas gegeben haben.
(Buddha)

14
Aug
2007

Als das Kind Kind war

Kevelaer-104
Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte der Bach sei ein Fluss,
der Fluss sei ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.
Als das Kind Kind war,
wusste es nicht, dass es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.
Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim fotografieren.
Als das Kind Kind war,
war es die Zeit der folgenden Fragen:
Warum bin ich ich und warum nicht du?
Warum bin ich hier und warum nicht dort?
Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
Ist was ich sehe und höre und rieche
nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,
die wirklich die Bösen sind?
Wie kann es sein, dass ich, der ich bin,
bevor ich wurde, nicht war,
und dass einmal ich, der ich bin,
nicht mehr der ich bin, sein werde?
Als das Kind Kind war,
würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis,
und am gedünsteten Blumenkohl.
und isst jetzt das alles und nicht nur zur Not.
Als das Kind Kind war,
erwachte es einmal in einem fremden Bett
und jetzt immer wieder,
erschienen ihm viele Menschen schön
und jetzt nur noch im Glücksfall,
stellte es sich klar ein Paradies vor
und kann es jetzt höchstens ahnen,
konnte es sich Nichts nicht denken
und schaudert heute davor.
Als das Kind Kind war,
spielte es mit Begeisterung
und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch,
wenn diese Sache seine Arbeit ist.
Als das Kind Kind war,
genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot,
und so ist es immer noch.
Als das Kind Kind war,
fielen ihm die Beeren wie nur Beeren in die Hand
und jetzt immer noch,
machten ihm die frischen Walnüsse eine rauhe Zunge
und jetzt immer noch,
hatte es auf jedem Berg
die Sehnsucht nach dem immer höheren Berg,
und in jeden Stadt
die Sehnsucht nach der noch größeren Stadt,
und das ist immer noch so,
griff im Wipfel eines Baums nach dem Kirschen in einem Hochgefühl
wie auch heute noch,
eine Scheu vor jedem Fremden
und hat sie immer noch,
wartete es auf den ersten Schnee,
und wartet so immer noch.
Als das Kind Kind war,
warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum,
und sie zittert da heute noch.

Peter Handke
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