30
Dez
2008

Annas Lieblingslied für Huby

Haus am See

Hier bin ich gebor'n und laufe durch die Straßen!
Kenn die Gesichter, jedes Haus und jeden Laden!
Ich muss mal weg, kenn jede Taube hier beim Namen.
Daumen raus ich warte auf 'ne schicke Frau mit schnellem Wagen.
Die Sonne blendet alles fliegt vorbei.
Und die Welt hinter mir wird langsam klein.
Doch die Welt vor mir ist für mich gemacht!
Ich weiß sie wartet und ich hol sie ab!
Ich hab den Tag auf meiner Seite ich hab Rückenwind!
Ein Frauenchor am Straßenrand der für mich singt!
Ich lehne mich zurück und guck ins tiefe Blau,
schließ die Augen und lauf einfach gradeaus.

Und am Ende der Strasse steht ein Haus am See.
Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg.
Ich hab 20 Kinder meine Frau ist schön.
Alle kommen vorbei ich brauch nie rauszugehen.

Ich suche neues Land
Mit unbekannten Strassen, fremden Gesichtern und keiner kennt meinen Namen!
Alles gewinnen beim Spiel mit gezinkten Karten.
Alles verlieren, Gott hat einen harten linken Haken.
Ich grabe Schätze aus im Schnee und Sand.
Und Frauen rauben mir jeden Verstand!
Doch irgendwann werd ich vom Glück verfolgt.
Und komm zurück mit beiden Taschen voll Gold.
Ich lad' die alten Vögel und Verwandten ein.
Und alle fang'n vor Freude an zu weinen.
Wir grillen, die Mamas kochen und wir saufen Schnaps.
Und feiern eine Woche jede Nacht.

Und der Mond scheint hell auf mein Haus am See.
Organgenbaumblätter liegen auf dem Weg.
Ich hab 20 Kinder meine Frau ist schön.
Alle kommen vorbei ich brauch nie rauszugehen.

Und am Ende der Strasse steht ein Haus am See.
Organgenbaumblätter liegen auf dem Weg.
Ich hab 20 Kinder meine Frau ist schön.
Alle kommen vorbei ich brauch nie rauszugehen.

Hier bin ich gebor'n, hier werd ich begraben.
Hab taube Ohr'n, nen weißen Bart und sitz im Garten.
Meine 100 Enkel spielen Cricket auf'm Rasen.
Wenn ich so daran denke kann ich's eigentlich kaum erwarten.

Am-Teich-032

18
Dez
2008

Advent

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Weißt du, ich will mich schleichen
leise aus lautem Kreis,
wenn ich erst die bleichen
Sterne über den Eichen
blühen weiß.

Wege will ich erkiesen,
die selten wer betritt
in blassen Abendwiesen
und keinen Traum, als diesen:
Du gehst mit.


Rilke aus: Advent, 1898

28
Nov
2008

Kompliziertes Innenleben

Hinter jedem Abschied steht ein Warten.
Wenn dein Schritt verhallt ist, sehn ich mich.
Wenn Du kommst, ist jeder Tag ein Garten.
– Aber wenn du fort bist, lieb ich dich...

Manchmal seh ich auf zu Sternmillionen.
Ob das Glück stets hinter Wolken liegt?
Ach, ich möchte in den Nächten wohnen,
wo kein "morgen" um die Ecke biegt.

Kommst du, sehn ich mich nach tausend Dingen,
wächst der Abgrund zwischen dir und mir,
Spür ich altes Fernweh in mir klingen.
- Aber wenn du fort bist, gilt es dir.

Unser Schicksal lauert hinter Bergen.
Schönes Jenseits, das wir nicht verstehn.
Unsre Großen gleichen noch den Zwergen,
Und nichts bleibt uns als empor zusehn.

Gibt es Träume, die noch nicht zerrissen,
Gibts ein Glück, das hielt, was es versprach?
Ach, wir Dummen werden's niemals wissen.
Und die Klugen forschen nicht danach...

Mascha Kaleko

29
Jul
2008

Der Pilger mit dem schleppenden Hinterbein

Ein kleiner Käfer krabbelte mühsam auf steinigem Weg. Es waren viele Hindernisse auf seiner Straße. Strohhalme und sonstige schwer zu bewältigende Gegenstände. Es war recht anstrengend. Fliegen konnte er nicht. Es war ein Krabbelkäfer. Zudem war sein linkes Hinterbein verkümmert - schon von Geburt an. Er schleppte es nach. Es war ein trauriger Fall. Aber er pilgerte tapfer weiter. Käfer gehen und wandern nicht. Sie pilgern. Das ist ein großer Unterschied.


"Gehen Sie doch aus dem Wege!" schrie eine Hummel, namens Summser, den Pilger an und brummte böse. "Strolcht so was auf der Straße herum und stört achtbare Damen, die sich auf den Blumenmarkt begeben!"

"Entschuldigen Sie", sagte der Pilger mit dem schleppenden Hinterbein, "ich muss pilgern, ich bin ein Krüppel." Er wies mit dem Fühlhorn auf das verkümmerte Hinterbein.

"So, so", sagte Frau Summser mitleidig, "dann ist es ja etwas anderes. Das habe ich nicht gesehen. Ich war so eilig. Wenn man heutzutage nicht sehr zeitig an die Blumen kommt, ist alles vergriffen. Die Konkurrenz ist sehr groß. Aber warum müssen Sie den pilgern? Wäre es mit Ihrem Bein nicht besser, Sie würden zu Hause bleiben? Sie müssten heiraten. Dann haben Sie wenigstens Ihre regelmäßigen Mahlzeiten."

"Nein, ich muß pilgern", sagte der Pilger mit dem schleppenden Hinterbein. "Ein alter Käfer, den ich wegen meines Leidens konsultierte, sagte mir das. Er sprach von der Religion des heiligen Skarabäus und sagte, ich müsse das Rad des Lebens suchen. Das ist ein sehr alter Glaube und ein großer Trost für arme Krabbelkäfer."

"Und was hat man davon?" fragte Frau Summser. "Es ist doch gewiß viel vernünftiger, rechtzeitig auf den Markt zu kommen."

Der kleine Käfer zog das verkrüppelte Bein mit einer zuckenden Bewegung an den Körper, so daß es nicht mehr zu sehen war. "Man kann ein Rosenkäfer werden", sagte er geheimnisvoll.

"Ist das ein lohnender Beruf?" fragte Frau Summser.

Sie war eine überaus praktische Hausfrau. Ihre Honigtöpfe waren unübertroffen und bekannt im ganzen Umkreis eines Insektenflugs.

"Man glänzt dann wie flüssiges Gold, und man kann fliegen. Man ruht in den Rosen und atmet ihren Duft."

Frau Summser wurde hierdurch an Ihren Markt erinnert. "Jetzt muß ich mich wirklich beeilen", sagte sie, "die Konkurrenz ist eine zu große heutzutage. Jedenfalls wünsche ich Ihnen alles Gute."

Der Pilger mit dem schleppenden Hinterbein pilgerte weiter. Über den Weg kam ein Wagen gefahren.

Das ist das Rad des Lebens, dachte der Pilger mit dem schleppenden Hinterbein und hastete darauf zu.

Das Rad ging über ihn hinweg.

Auf dem Weg blieb nichts als eine formlose Masse.

Zur selben Stunde kroch im sonnigen Süden ein kleiner Rosenkäfer aus dem Ei. Ganz zuerst betastete er mit dem Fühlhorn sein linkes Hinterbein. Er wußte selbst nicht, warum er das tat. Das linke Hinterbein war gesund und glänzte wie flüssiges Gold. Es war fast noch schöner und glänzender als die anderen Beine.

Die Rosen dufteten.

Das Rad des Lebens ging weiter.


Manfred Kyber 1880 - 1933

28
Jul
2008

Gedicht

Sieh nicht, was andere tun,
der andern sind so viel,
du kommst nur in ein Spiel,
das nimmermehr wird ruhn.

Christian Morgenstern

27
Jun
2008

Die Uhr zeigt heute keine Zeit

Gedicht von Max Dauthendey

Ich bin so glücklich von deinen Küssen,
Daß alle Dinge es spüren müssen.
Mein Herz in wogender Brust mir liegt,
Wie sich ein Kahn im Schilfe wiegt.
Und fällt auch Regen heut ohne Ende,
Es regnet Blumen in meine Hände.
Die Stund’, die so durchs Zimmer geht,
Auf keiner Uhr als Ziffer steht;
Die Uhr zeigt heute keine Zeit,
Sie deutet hinaus in die Ewigkeit.

zwillbrock.today.net

25
Feb
2008

Der Einsame

MannFischTisch
Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was tut.
Ihn stört in seinem Lustrevier
Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier,
Und niemand gibt ihm weise Lehren,
Die gut gemeint und bös zu hören.
Der Welt entronnen, geht er still
In Filzpantoffeln, wann er will.
Sogar im Schlafrock wandelt er
Bequem den ganzen Tag umher.
Er kennt kein weibliches Verbot,
Drum raucht und dampft er wie ein Schlot.
Geschützt vor fremden Späherblicken,
Kann er sich selbst die Hose flicken.
Liebt er Musik, so darf er flöten,
Um angenehm die Zeit zu töten,
Und laut und kräftig darf er prusten,
Und ohne Rücksicht darf er husten,
Und allgemach vergißt man seiner.
Nur allerhöchstens fragt mal einer:
Was, lebt er noch? Ei, Schwerenot,
Ich dachte längst, er wäre tot.
Kurz, abgesehn vom Steuerzahlen,
Läßt sich das Glück nicht schöner malen.
Worauf denn auch der Satz beruht:
Wer einsam ist, der hat es gut.

Text: Wilhelm Busch
Bild: Michael Sowa

20
Feb
2008

Das Einfach-Eine

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Lao-tzu Tao Te Ching
Übersetzung von Rudolf Bachofen

39 ~ Das Einfach-Eine — Wurzel aller Vielgestaltigkeit im Sein

329. Alles hohe Seyn ist Ausgliederung aus dem All-Einen,
in sich selber wieder eins:
330. Der Himmel erlangte die Einheit, daher seine klare Ordnung.
331. Die Erde erlangte die Einheit, daher ihre Festigkeit.
332. Die geistigen Kräfte erlangten die Einheit,
daher ihre Wirksamkeit.
333. Alles Empfängliche erlangte die Einheit,
daher seine Erfüllung.
334. Alles Lebendige erlangte die Einheit,
daher seine Fruchtbarkeit.
335. Selbst die Herrscher erlangten die Einheit,
daher ihre Vorbildlichkeit.
336. Alles ist durch die Einheit bewirkt.
Ohne klare Ordnung würde der Himmel wohl reißen.
337. Ohne ihre Festigkeit müsste sich die Erde wohl auflösen.
338. Ohne ihre Wirksamkeit
würden die geistigen Gestaitungskräfte wohl versagen.
339. Ohne seine Erfüllung bliebe alles Empfängliche wohl leer.
340. Ohne seine Fruchtbarkeit
müsste alles Lebendige wohl vergehen.
341. Ohne ihr vorbildliches Wirken
würden die Herrscher wohl gestürzt werden.
342. Der Weyse weiß, daß alles Edle im Einfachen wurzelt,
daß alles Erhabene sich auf Niedrigem aufbaut.
343. Daher betrachten sich auch die Fürsten und Könige
als hilflose, verlassene und geringe Diener,
wissend, daß auch sie im Einfach-Einen gründen.
344. Oder stimmt es nicht?
345. (Alles muß in seiner wesenhaften Einheit bleiben:)
Wer einen Wagen zerlegt, hat keinen Wagen mehr.
346. Wer wie ein Edelstein glänzen will,
ist nicht echt und fällt doch nur,
gleich einem gewöhnlichen Stein, tönend herab.
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